Häufig gestellte Fragen zu den Folgen der Havarie im AKW Fukushima I

Welche Dosisbegrenzungen werden von den japanischen Behörden gegenwärtig verwendet?

Die japanischen Strahlenschutzregelungen sehen für Arbeiter in Kernkraftwerken einen oberen Grenzwert von 50 Millisievert/Jahr (mSv/J) vor, in Verbindung mit der Regelung, dass eine effektive Dosis von 100 mSv summiert über einen Zeitraum von 5 Jahren nicht überschritten wird. Bei einer Notfallsituation wie dem Unfall im Kernkraftwerk Fukushima gilt eine einmalige Strahlenexposition von 250 mSv effektiver Dosis für Einsatzpersonal zur Krisenbewältigung.

Für die Bevölkerung in den höher belasteten Gebieten außerhalb der Evakuierungszone gelten gegenwärtig noch max. 20 mSv/J; in einer späteren Phase wird 1 mSv/J angestrebt.  Die japanische Regierung richtet sich damit nach dem unteren Wert, den die Internationale Strahlenschutzkommssion (ICRP) unter den Bedingungen einer “existierenden Expositionssituation” für die allgemeine Bevölkerung empfohlen hat.

Kann man Lebensmittel und Leitungswasser unbedenklich zu sich nehmen?

Lebensmittel werden regelmäßig von den japanischen Behörden untersucht. Zu beachten ist, dass die meisten Lebensmittel weltweit, auch in Deutschland, unvermeidlich etwa 100 Bequerel/kg (Bq/kg) an natürlichen Radionukliden enthalten.

Lebensmittel, die Caesiumrückstände oberhalb der Vorsorge-Grenzwerte enthalten, dürfen in Japan nicht in den Verkehr gebracht werden. Deshalb und vor dem Hintergrund, dass mittlerweile nur noch bei etwa 1% der untersuchten Lebensmittel Grenzwertüberschreitungen festgestellt werden, kann man davon ausgehen, dass im offiziellen Handel (Konvinis, Supermärkte, Department Stores, offizielle Märkte) erworbene Lebensmittel in der Regel bedenkenlos verzehrt werden können.

Leitungswasser wird in allen Präfekturen nahezu täglich auf seine Eignung als Trinkwasser sowohl für die Allgemeinheit als auch für Schwangere und Kleinkinder untersucht. Nach der AKW-Havarie Mitte März 2011 hatten die Gesundheitsbehörden einige Tage lang davon abgeraten, Kleinkindern Leitungswasser zu geben. Diese Warnungen konnten bereits Ende März 2011 wieder aufgehoben werden. Auch die aktuellen Befunde bestätigen, dass das Leitungswasser aller Präfekturen hinsichtlich seiner radioaktiven Belastung unbedenklich ist. Die regelmäßig auf der Homepage des Wissenschaftsministeriums (MEXT) veröffentlichten Ergebnisse weisen aus, dass die hierfür relevanten Radioisotope, nämlich I-131, Cs-134 und Cs-137, in den Analysen unterhalb der Nachweisgrenze liegen. Diese liegt bei 0,1 - 0,7 Bq/kg.

Welcher zusätzlichen Strahlendosis wäre ich ausgesetzt, wenn ich Lebensmittel verzehrte, deren Gehalt an radioaktivem Caesium den Grenzwert von 500 Bq/kg ausschöpfen?

Der Vorsorge-Grenzwert bezieht sich auf die Summe der Caesium-Isotope 134 und 137. Derzeit kommen beide Isotope in etwa gleichen Mengen vor. Jedem Isotop ist ein spezifischer Dosiskoeffizient zugeordnet, der die Wirkung auf den gesamten Körper einer Person als effektive Dosis darstellt und in μSv/Bq angegeben wird. Hieraus lässt sich die Dosis einer Mahlzeit oder (hochgerechnet) des Jahresverzehrs berechnen.

Beispiel: Gemüse

(Mahlzeit von 0,5 kg)

Cs-134: 0,5 kg x 250Bq/kg x 0,019 μSv/Bq = 2,4 μSv

Cs-137: 0,5 kg x 250Bq/kg x 0,013 μSv/Bq = 1,6 μSv

Die gesamte effektive Dosis einer solchen Mahlzeit würde 4,0 μSv (= 0,004 mSv) betragen.

Beispiel: Fisch oder Fleisch

(Mahlzeit von 0,2 kg)

Cs-134: 0,2 kg x 250Bq/kg x 0,019 μSv/Bq = 1,0 μSv

Cs-137: 0,2 kg x 250Bq/kg x 0,013 μSv/Bq = 0,7 μSv

Die gesamte effektive Dosis einer solchen Mahlzeit würde 1,7 μSv (= 0,0017 mSv) betragen.

Beispiel: Tee

(Monatsverbrauch von 0,5 kg)

Cs-134: 0,5 kg x 250Bq/kg x 0,019 μSv/Bq = 2,4 μSv

Cs-137: 0,5 kg x 250Bq/kg x 0,013 μSv/Bq = 1,6 μSv

Bei einem Monatsverbrauch von 0,5 kg würde die gesamte effektive Dosis 4,0 μSv (= 0,004 mSv) betragen.

Im menschlichen Körper halbiert sich die Restaktivität etwa alle 100 Tage (effektive Halbwertzeit: s.a. Antwort auf letzte Frage). 

Wie ist die gesundheitliche Gefährdung bei Aufenthalt im Freien zu beurteilen?

In Tokyo hat die durchziehende Wolke von Fukushima an wenigen Tagen zu einer Erhöhung der örtlichen Dosisleistung geführt. Der Höhepunkt war am 31. März mit 0,14 Mikrosievert/Stunde. Diese Dosisleistung entspricht der Strahlung an vielen Orten in Deutschland (Nordbayern, Thüringen, Sachsen usw.) aus natürlichen Quellen. Die aktuellen Werte der Dosisleistung in Japan können auf der offiziellen Seite von MEXT nach Präfekturen geordnet nachgesehen werden:

http://radioactivity.mext.go.jp/en/monitoring_by_prefecture_environmental_radioactivity_level_prefecture/2011/09/12620/index.html

Mittlerweile liegt die durchschnittliche örtliche Dosisleistung wieder deutlich niedriger bei ca. 0,05 Mikrosiervert/Stunde und damit deutlich unter den in Deutschland vorherrschenden Werten.

Können Kinder in Japan im Freien spielen?

Es besteht mit Ausnahme der gesperrten Gebiete um die Reaktoren von Fukushima I (s.u.) kein Grund, wegen der Strahlenbelastung den Kindern das Spielen im Freien zu verbieten.

Wie sind Besuche in den an die Sperrgebiete angrenzenden Gebieten zu beurteilen?

Hier ist die Situation schwieriger, da die Flächen nicht gleichmäßig belastet sind. Auch außerhalb der 30km Zone gibt es höher kontaminierte Flächen. Die Gebiete mit erhöhter Radioaktivität sind inzwischen bekannt, auch die z.T. kleinräumigen Unterschiede. Da die Dosis proportional zur Zeit der Exposition ist, kann eine Fahrt auch in die höher belasteten Gebiete ohne Bedenken angetreten werden. Die extrem hoch belasteten Regionen sind für Besucher gesperrt.

Was sind Hot Spots?

Hot Spots sind relativ hoch kontaminierte, lokal begrenzte Gebiete, zu denen radioaktive Partikel durch atmosphärische Ausbreitung transportiert wurden und wo es durch Regen oder Schnee zu einer erhöhten Ablagerung auf Oberflächen gekommen ist. Diese Gebiete sind weitgehend bekannt. Für einen kurzzeitigen Aufenthalt in solchen Bereichen ist die Strahlenbelastung ohne Bedeutung.

Ist die Luft sauber, brauche ich Mund- oder Atemschutz?

Die ausgetretenen radioaktiven Substanzen sind inzwischen entweder abgebaut (Jod 131 hat eine Halbwertszeit von rund acht Tagen) oder fest im Boden gebunden (Caesium 134/137).

Mundschutz oder Atemmasken waren außer in der Frühphase erhöhter Freisetzung und Aufenthalt in der von der Schadstoffahne beaufschlagten näheren Umgebung der Reaktoren nicht notwendig.

Soll man sich als Japan-Reisender ein Dosimeter kaufen?

Die nicht unbeträchtliche finanzielle Ausgabe für ein vernünftiges Dosimeter (600.-€ und mehr) ist keinesfalls notwendig. Zudem ist es für Laien schwierig, die Messwerte zu interpretieren. Es ist besser, sich an den Empfehlungen der Behörden zu orientieren.

Kann man mit normalen Dosimetern die Lebensmittelbelastung messen?

Nein. Hierfür benötigt man spezielle Messgeräte, die nicht einfach zu bedienen sind und auch nicht ohne weiteres transportiert werden können. Ggf. muss unterschieden werden nach Alpha-, Beta-, und Gamma-Messgeräten. Zur quantitativen Bestimmung von Radionukliden in Lebensmitteln werden sehr teure, hochwertige Gamma-Spektrometer und zusätzliche Auswerteprogramme benötigt. Die Proben müssen zudem erst chemisch aufbereitet werden.

Welche radioaktiven Substanzen wurden gemessen und wie sind deren Halbwertzeiten zu beurteilen?

Auf Grund des Temperaturverlaufs in den Unfallreaktoren wurden im wesentlichen nur leicht flüchtige Radionuklide (das sind solche mit niedrigem Siedepunkt) freigesetzt. Radiologisch relevant sind davon:

    * Jod 131: Halbwertszeit acht Tage (Einlagerung in die Schilddrüse).

    * Caesium 134: physikalische Halbwertszeit ca. zwei Jahre, effektive Halbwertszeit im menschlichen Körper ca. 100 Tage (ähnlich wie Kalium Einlagerung insbesondere ins Muskelgewebe)

    * Caesium 137: physikalische Halbwertszeit 30 Jahre, effektive Halbwertszeit im menschlichen Körper ca. 100 Tage (ähnlich wie Kalium Einlagerung insbesondere ins Muskelgewebe)

Effektive Halbwertszeit: die Zeitspanne, in der in einem biologischen Organismus (Mensch, Tier, Pflanze, Einzeller) der Gehalt eines radioaktoiven Stoffes durch biologische Prozesse (Stoffwechsel, Ausscheidung) und radioaktiven Zerfall auf die Hälfte abgesunken ist.

Strontium-89, Strontium-90 und Plutoniumisotope sind auf Grund ihres hohen Siedepunktes nur in geringem Maße freigesetzt worden, sodass sie keine Relevanz für die Strahlenbelastung haben. Auch andere Radionuklide, die frei gesetzt wurden, tragen wenig zur Dosis bei, werden aber bei Dosisabschätzungen berücksichtigt. Gegenwärtig relevant sind nur noch die oben genannten Caesiumnuklide.

Eintrag Deutschen-/Krisenliste

Meldeformular

Alle Deutschen, die - auch nur vorübergehend - im Amtsbezirk der Botschaft Tokyo leben, können in eine Krisenvorsorgeliste gemäß § 6 Abs. 3 des deutschen Konsulargesetzes aufgenommen werden. Weiter im Link...

Erdbebenvorsorge

Hier finden Sie Informationen zum Thema.

Häufig gestellte Fragen zu den Folgen der Havarie im AKW Fukushima I

Antworten auf häufig gestellte Fragen zu den Folgen der Havarie im AKW Fukushima I.

Begriffserklärung

Hier finden Sie ein Merkblatt von Prof. Dr. Joachim Breckow, Institut für Medizinische Physik und Strahlenschutz der Technischen Hochschule Mittelhessen, mit Erklärungen zu Begriffen wie "Becquerel" und "Mikrosievert".

Kurz-Information: Radioaktivität und ionisierende Strahlung

Hier finden Sie die Präsentation zum Vortrag, den Dr. Horst Miska am 10.09.2011 an der Deutschen Schule Tokyo Yokohama gehalten hat.

Der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission zu Fukushima I

Prof. Dr. Rolf Michel von der Leibniz-Universität Hannover, Vorsitzender der Deutschen Strahlenschutzkommission und Berater der Deutschen Botschaft in Tokyo, zum Thema 'Folgen der Havarie im AKW Fukushima I':

Reisen nach Japan

Hier finden Sie allgemeine Hinweise zu Reisen nach Japan.

Drittes Townhall-Meeting: Mittwoch, 07.03.2012, 18.00 - 21.00 Uhr, Atrium der Botschaft

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