Passivhaus in Kamakura
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(© Key Architects)
Japans Häuser sollen 200 Jahre halten
Die japanische Regierung will mit einem neuen Gesetz und finanziellen Anreizen die bisher sehr kurze Lebensdauer von Häusern deutlich ausdehnen. Die ersten Reaktionen sind positiv. In der Nähe von Tokyo wurde im Sommer 2010 das erste Passivhaus Japans fertiggestellt. Es basiert auf deutschen Normen. In Hokkaido wurde ein Werk zur Produktion von Dämmstoffen aus Holzabfällen in Betrieb genommen, in dem deutsche Technologien eingesetzt werden.
Bei der Lebensdauer von Häusern und Wohnungen hinkt Japan weit hinter anderen Ländern her. Nach Angaben des Ministeriums für Land, Infrastruktur, Transport und Tourismus (MLIT) liegt sie derzeit im Durchschnitt nur bei etwa 30 Jahren. Für Großbritannien beispielsweise gibt das Ministerium eine Lebensdauer von 77 Jahren an. Mit großem Erstaunen reagieren Japaner auch auf Berichte, dass in Deutschland 250 Jahre alte, komplett sanierte Häuser beste Wohnqualität bieten können. In Japan selbst stammen höchstens fünf Prozent der Immobilien aus der Zeit vor 1951, ermittelte das MLIT.
200-Jahre-Häuser
Dies soll sich zukünftig ändern. Am 4. Juni ist ein Gesetz in Kraft getreten, das finanzielle Anreize zum Bau von Häusern mit längerer Lebensdauer setzt. In Kurzform heißt das Gesetz „200-Jahre-Wohnung” (200-nen jūtaku), ohne dass diese Bezeichnung wörtlich genommen werden sollte. Das MLIT ist für seine Umsetzung zuständig.
Wer die Vergünstigungen in Anspruch nehmen will, muss eine Reihe von Kriterien erfüllen. Gefordert wird zum Beispiel eine Doppelverglasung von Fenstern oder eine Glaswolle-Wärmeisolierschicht von 100 Millimetern für die Außenwand. Auch müssen sich Häuser und Wohnungen unkompliziert umbauen lassen, ohne dass die Grundstruktur des Gebäudes zerstört wird.
Spezielle zertifizierte Institutionen sollen die Einhaltung dieser Kriterien und damit die „Langlebigkeit“ der Häuser und Wohnungen bestätigen. Allerdings prüfen sie nur die eingereichten Dokumente auf die Richtigkeit der Angaben. Eine unmittelbare Besichtigung der Immobilie findet nicht statt.
Das Gesetz richtet sich vor allem an kleine und mittlere Bauunternehmen, deren Bauleistung 50 Wohnungen im Jahr nicht übersteigt. Diese erhalten entweder pauschal eine Million Yen oder eine Erstattung von zehn Prozent der Baukosten. Große Baufirmen können die Anreize nicht in Anspruch nehmen. Gleichzeitig werden die Käufer eines „langlebigen“ Hauses unter anderem mit Nachlässen von der Immobilienerwerb- und anderen Steuern sowie mit zinsgünstigen Krediten belohnt.
Bessere Isolierung
Die Resonanz auf das Gesetz ist nach Auskunft des MLIT besonders bei den umworbenen Bauunternehmen sehr groß. Auch heimische Hersteller von Baumaterialien kommen mit neuen Produkten auf den Markt, die sich positiv auf die Lebensdauer der Häuser auswirken. Die YKK-Gruppe zum Beispiel bietet seit Juli 2009 Isolierfenster mit Kunststoffrahmen und Mehrfachglas an. Das Unternehmen schätzt, dass die Energierechnung in Häusern mit solchen Fenstern im Jahr um etwa 20.000 Yen geringer ausfällt. Bislang werden in Japan zum großen Teil Fenster mit Aluminiumrahmen verwendet. YKK gehört hier zu den großen Produzenten.
Die neuen Entwicklungen machen Hoffnung, dass sich auch in Japan allmählich der Gedanke eines qualitativ besseren Bauens durchsetzt. Sollte dies der Fall sein, könnten sich gerade deutsche Anbieter von hochwertigen Baumaterialien gute geschäftliche Möglichkeiten auf dem japanischen Markt ausrechnen. Profitieren dürften sie auch von Projekten wie der Errichtung des ersten Passivhauses in Japan, denn die dort zur Anwendung kommenden Normen und Technologien gehen weit über das hinaus, was im Land üblich ist.
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(© Key Architects)
Erstes Passivhaus
Wie die Architektin des Passivhauses, Miwa Mori, anlässlich einer Pressebesichtigung erläuterte, entspricht der schärfste Energiesparstandard Japans in etwa gerade einmal den deutschen Mindestanforderungen in diesem Bereich. Entsprechend sind Dreifachverglasung, hocheffiziente Wärmedämmung und andere Technologien, wie sie im Passivhaus zur Anwendung kommen, für die meisten Japaner Fremdwörter. Verpflichtende Standards gibt es im allgemeinen Wohnungsbau bislang kaum. Geprüft wird vor allem, ob Gebäude Sicherheit vor Erdbeben und Feuer bieten.
Das Passivhaus steht in Kamakura südlich von Tokyo entstanden und war im August bezugsfertig. Es wurde nach den Normen des deutschen Passivhaus-Instituts in Darmstadt gebaut. Die japanische Architektin hat in Stuttgart studiert und ihre Erfahrungen im Bereich Passivhausbau in ihr Design einfließen lassen.
Da zu hohe Ausgaben auch für Folgeprojekte abschreckend wirken würden, wurde diesem Aspekt große Beachtung geschenkt. Die Baukosten für das neue Passivhaus mit einer Wohnfläche von knapp 100 Quadratmetern belaufen sich auf etwa 26 Millionen Yen; das sind etwa 20 Prozent mehr als bei herkömmlichen Immobilien. Darüber hinaus entstehen Kosten in Höhe von 30 Millionen Yen für das 120 Quadratmeter große Grundstück.
Technologietransfer
Deutsche Technologien kommen auch bei einem Projekt in Hokkaido zum Zuge. In der Nähe der Stadt Tomakomai südlich des internationalen Flughafens von Sapporo-Chitose haben die deutsche Firma Homatherm als Lizenzgeber und das lokale Unternehmen Wood Fiber eine Fabrik zur Produktion von flexiblen Holzfaserdämmmatten errichtet. Anfang Juli 2009 wurde das Werk eingeweiht. Die Investitionen für die Fabrik belaufen sich auf insgesamt 30 Millionen Euro. Etwa ein Viertel hiervon entfiel auf Ausrüstungen der Firma Grenzebach. Die Kapazität der Anlage beläuft sich auf 300.000 Kubikmeter pro Jahr. Zur Herstellung der Dämmmatten werden in erster Linie Holzabfälle aus Hokkaido verwendet. Hierdurch erhält die heimische Forstwirtschaft neue Impulse, ein wichtiger Grund für die Präfekturverwaltung Hokkaidos, das Vorhaben mit 500 Millionen Yen finanziell zu unterstützen.
Wie der Geschäftsführer von Homatherm, Horst Mosler, erklärte, sollen die neuen Dämmmaterialien zunächst vor allem privaten Holzhausbauern im Norden Japans angeboten werden. Ein Verkaufsargument sei dabei, dass sich durch die Verwendung des Dämmmaterials die Lebenserwartung von Holzhäusern deutlich verlängern ließe, denn es absorbiert Feuchtigkeit und verhindert so die sehr häufige Schimmelbildung. Auf diese Weise könne auch der Wiederverkaufswert der Immobilien gesteigert werden. Dies aber ist eine für Japaner vollkommen neue Denkweise.
© Detlef Rehn, Germany Trade & Invest